Wissenschaftskitsch. Der deutsche Science-Marsch

 

Gegen die makellosen Türme der Wissenschaft branden unter dem Banner der Alternativen Fakten die dunklen Horden der Gegenaufklärung an. Angeführt werden die Finsterlinge vom „Populismus“. Seine perfide Taktik: Aus der Leugnung, Verdrehung oder schlichten Ignoranz der einzig wahren, weil wissenschaftlichen Fakten politisches Kapital zu schlagen! Das „gefährdet (…) nicht nur die Existenzberechtigung der Wissenschaft, sondern die Demokratie insgesamt“. Doch die Rettung ist nah, denn die Weißen Ritter der Wissenschaft werden das Feld nicht kampflos den Finsterlingen überlassen. Oder weniger episch: Am Samstag begaben sich 37,217 Wissenschaftsgetreue in 22 deutschen Städten auf den Science March, um Wissenschaft, Demokratie und Fortschritt zu retten. Das ist ein schönes Zeichen dafür, dass es mit der Demokratie vielleicht doch noch nicht so schnell zu ende geht, wie man selbst es angesichts der von den Wissenschaftlern diagnostizierten all überall grassierenden Wissenschaftsfeindlichkeit neigte zu glauben. Von da kommt man schnell ins grundsätzliche Grübeln – vor allem aber über das Wissenschafts- und Politikverständnis, das sich im deutschen Science-Marsch präsentiert.

Da wären zu erst einmal die schlichten Zahlen: Von 2005 bis 2016 sind allein die Ausgaben des Bundes für Forschung und Entwicklung von knapp 9 Milliarden Euro auf 15,8 Milliarden Euro gestiegen. 2014, das Jahr für das die aktuellsten, gesicherten Werte vorliegen, haben Staat und Wirtschaft fast 84 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung ausgegeben. Das sind 2,9 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Deutschland erfüllt damit fast schon streberhaft die Vorgaben der Strategie Europa 2020, die drei Prozent des BIP für die Investition in Forschung und Entwicklung bis 2020 vorsehen. Mehr Geld ist natürlich immer schöner, aber in Anbetracht kontinuierlicher Etatsteigerung in den letzten zehn Jahren stellt sich dem interessierten Laien schon die Frage: „Was ist Euer Problem?“ Das ganze wird noch absurder, schaut man sich die versammelten Honoratioren des staatlich-akademischen Komplexes an, die den Science March Deutschland unterstützen – bis hin zu Hochschulministerinnen. Wie innig sollen den Vater Staat und Mutter Forschungsförderung die Wissenschaft noch an die Brust drücken?

Und wer sind überhaupt die finsteren Kräfte, die der Wissenschaft in Deutschland an den Kragen wollen? In den offiziellen Verlautbarungen der Science March-Organisatoren auf marchforscience.de bleiben sie im Ungefähren, eine Interpretation des Science Marches als Anti-Trump-Veranstaltung wird sogar explizit zurückgewiesen. Dabei ist der US-Science March, die Mutter aller weltweit organisierten Science-Märsche, als Reaktion gegen die Trump-Administration und deren robusten Zugriff auf staatlich geförderte wissenschaftliche Institutionen und Organisationen entstanden. Die Schikanen, denen einige wissenschaftliche Institutionen und Universitäten aktuell beispielsweise in Ungarn und Polen ausgesetzt sind, finden auch keine Erwähnung, ganz zu schweigen von einer Solidaradresse an die betroffenen Wissenschaftler. Statt Probleme konkret zu benennen, verbleibt die deutsche Science-Marsch-Propaganda im Ungefähren des Wissenschafts- und Fortschritts-Pathos, das man schon aus den Kommunikationsoffensiven für mehr MINT-Studierende kennt: Wissenschaft ist so super! Mach mit bei der Wissenschaft! Bloß dass es in der deutschen Wissenschaft tatsächlich gar nicht so super zugeht – und das liegt nicht am schlimmen Populismus, der mit der Wissenschaft gleich die Demokratie zerstören will – oder war es umgekehrt?

Da wären zum einen die Arbeitsverhältnisse, in denen Doktoranden und Post-Docs stecken: Befristungen auf Monate sind fast schon die Regel. Gar nicht so wenige arbeiten auch unbezahlt: Weil sie es sich leisten können, finanziert von Eltern, Partnern oder via Arbeitslosengeld oder Hartz4. Von allen, die im System etwas werden wollen, werden Arbeitszeiten und eine Bereitschaft zur Selbstausbeutung erwartet, die einem kalifornischen Startup alle Ehre machen. Der Unterschied zum Startup: Wenn man es im stark auf das Wohlwollen der einzelner Professoren ausgerichteten Betrieb nicht schafft, wird es auch mit der Karriere in ‚der Wirtschaft’ schwer, selbst für Leute aus den angeblichen Fachkraftmangel-Disziplinen. Unter anderem, weil einen die Fähigkeiten, die man in einem System lernt, das fast noch wie im 19. Jahrhundert funktioniert, ‚draußen’ im 21. Jahrhundert eher behindern.

Immer wieder mal beklagt, ändert sich an diesen Strukturen aber nichts: Weil zu viele hoffen, vielleicht doch der Erwählte zu sein. Deswegen bekommen die vielen Docs und Post-Docs, die sich gerade als Verteidiger der Wissenschaft und Aufklärung in die Brust werfen, keine politisch schlagkräftige Vertretung der eigenen Interessen hin. Stattdessen perpetuieren sie beim Science March eine Konzeption von Wissenschaft, die seit Jahrzehnten dazu da ist, die tatsächlich existierende Art, wie Wissenschaft betrieben wird, gegen Kritik zu immunisieren. Und hier kommt dann auch der befremdliche Umgang mit dem Konzept „wissenschaftlicher Fakt“ ins Spiel, den man rund um den Science March beobachten kann: Da werden offizielle Plakate geschwenkt, auf denen man die erstaunliche Parole liest „Zu Fakten gibt es keine Alternative!“ Bitte? Warum betreiben wir dann Wissenschaft und finanzieren sie mit erheblichen Summen? Es ist noch gar nicht so lange her, da war es ein wissenschaftlicher Fakt, dass Schwarze und Frauen überhaupt nicht in der Lage sind, wissenschaftlich zu arbeiten. Die damalige Hype-Wissenschaft Physiologie hatte nämlich eindeutig nachgewiesen, dass Nerven, Stoffwechsel und Gehirn von Schwarzen und Frauen nicht für das rationale, kühl abwägende Denken gemacht sind. Dass wir es heute besser wissen, haben wir mindestens ebenso sehr dem politischen Druck von emanzipatorischen Bewegungen von außerhalb der Wissenschaft zu verdanken wie den wissenschaftsinternen Selbstregulierungsprozessen. Das ein Fakt ein komplexes Ding ist, das weder ohne Kontext, noch unabhängig von den entsprechenden Methoden existiert, mit denen er erhoben wurde, ist eigentlich spätestens seit Wittgenstein, Fleck, Popper und Kuhn eine Binsenwahrheit der selbstreflexiven Wissenschaft. Vielleicht ist der naive Faktenbegriff, den man im deutschen Science March-Diskurs findet, aber auch dem weitgehenden Verzicht auf die aktive inhaltliche Mitarbeit von Geistes- und Sozialwissenschaften geschuldet. Dass es sich dabei sowieso nicht um richtige Wissenschaften, geschweigen den Wissenschaftlern handelt, gehört zum festen Wissensbestand vieler MINT-Wissenschaftler – nicht nur in hitzigen Diskussionen auf Social Media. Mit Leuten, die von Interpretation sprechen und Kontextualisierung und Perspektivierung zu ihren zentralen methodischen Begriffen gemacht haben, können Disziplinen, die anscheinend eine erkleckliche Anzahl ihrer Mitglieder immer noch auf einen prä-modernen Faktenbegriff einschwören, nicht viel anfangen.

Ganz eng mit dieser naiven Faktengläubigkeit verbunden ist die „politische“ Vision des Science Marsches: Politische Konflikte mit dem Verweis auf die wissenschaftlichen Fakten zu versachlichen oder sogar auflösen zu können, gehört nicht nur zum Grundbestand technokratischer Alternativlosigkeitspolitik, auch in der Rhetorik der Science-Marschierer findet man davon genug. Als wäre irgendwas entscheidendes geregelt, wenn alle Regierungen der Welt sich darauf einigen würden: Es gibt einen menschengemachten Klimawandel, der sich beschleunigt und die Lebensgrundlagen zunehmend gefährdet. Und dann? Fangen die Fragen erst an: Trotz ihres Gefahrenpotenzials lieber Nuklearenergie massiv stärken oder doch lieber auf Erneuerbare Energien setzen? Oder auch: Ist die Gefahr so existenziell bedrohend, dass es gerechtfertigt ist, demokratische Meinungs- und Entscheidungsfindungsprozesse außer Kraft zu setzen und das Klima-Management wissenschaftlichen Experten mit autoritären Durchgriffsrechten zu übertragen?

Was für eine korrosive Wirkung auf die demokratischen Grundeinstellungen der vom Science March geforderten gut informierten, mündigen Bürger solche Expertokratien der faktenbasierten Alternativlosigkeiten haben, können wir seit ein paar Jahren in der westlichen Politik beobachten – mit den bisherigen Highlights des Brexit-Referendums bis hin zur Wahl Donalds Trumps. Hier schließt sich dann wieder der Kreis zum Anfang dieser Polemik: Wahrscheinlich sind die Zeiten wirklich vorbei, in denen Wissenschaft, was immer sich hinter diesem Großbegriff auch im einzelnen ausdifferenziert hat, ohne ein umfassendes politisches Verständnis der eigenen Position in den Machtstrukturen von Staat und Gesellschaft auskommen konnte. Nur auf die vagen Versprechungen auf Erkenntnisse hin, die irgendwann mal zum allgemeinen gesellschaftlichen Fortschritt führen werden, wird sich die spezifisch hohe Alimentierung eines kleinen Teils der Gesellschaft nicht mehr begründen lassen. Dass das die Wissenschaftler und Wissenschaftsmanager, die den Science March Germany ins Leben gerufen haben, eher als Angriff auf „den Wert von Wissenschaft und Forschung“ zu begreifen scheinen als eine Herausforderung an die eigene Demokratiefähigkeit, erstaunt dann auch wieder nicht.

Ein stark verkürzte Version dieses Textes wurde unter dem Titel „Factum allzu brutum“ am 26.  April 2017 in der FAZ/Geisteswissenschaften veröffentlicht.

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3 Kommentare zu „Wissenschaftskitsch. Der deutsche Science-Marsch

  1. Zum ‚Populismus‘: Der Populismus an sich ist, meiner Meinung nach, nichts Schreckliches. Der Begriff beschreibt eine Hinwendung zum (gesamten) Volk. Mit dem Gebrauch von ‚Populismus‘ als Schimpfwort zeigt jemand dass er oder sie die Hinwendung eines Politikers zum (gesamten) Volk als unangebracht ansieht und dieser sich doch stattdessen lieber würdigeren Zielgruppen widmen sollte.
    Ein fragwürdiger Standpunkt, meine ich.

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  2. Also ich kann kann durchaus einen Teil der Kritik nachvollziehen, aber ich habe die Plakate und die Reden auf dem Science March in München als deutlich vielfältiger und differenzierter wahrgenommen als das, was der Text als die Position dieser Protestaktion wiedergibt.

    Es kamen nicht nur vielfältige Wissenschaftsperspektiven, sondern auch regelmäßig Stimmen zu Wort (bzw. waren auf Plakaten vertreten), die die Unterdrückung von Wissenschaft in der Türkei und in Ungarn kritisiert haben, die das Wissenschaftssystem kritisiert haben etc. Natürlich war da auch folkloristisches dabei, aber im Kern durchaus ein guter Protest. Es hat vor allem gezeigt, dass Wissenschaftler*innen auch gemeinsam auf die Straße gehen können, dass es möglich ist, dass wir uns abseits vom Disziplinenklüngel zusammentun können und dass es notwendig ist, gemeinsame Anliegen auch gemeinsam in die Öffentlichkeit zu tragen.

    Es geht natürlich mehr und kritischer und aggressiver, aber ich würde das nicht kleinreden wollen.

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