Vertrauensverlust oder Der militärisch-weinerliche Komplex

In mindestens zwei Fällen ist es im Oktober 2016 in Bundeswehrkasernen zu sexualisierter Gewalt gegen Soldat*innen gekommen. Die Betroffenen mussten sich an den Wehrbeauftragten und direkt an die Bundesverteidigungsministerin wenden, damit gegen ihre Quäler in der Bundeswehr vorgegangen wird.

Fängt man an zu recherchieren, kommen einem bald noch weitere Vorfälle wieder ins Gedächtnis: Die junge Frau auf der Gorch Fock, die bei ihrer Ausbildung zu Tode gekommen ist; die Soldaten, die in Afghanistan mit irgendwelchen Skelettteilen posierten; die komischen Aufnahmerituale in anderen Kasernen, gerne in irgendwelchen „Eliteeinheiten“. Seitdem ich aktive Nachrichtenkonsumentin bin, geht so etwas mindesten einmal im Jahr durch die Presse. Dazu kommen die regelmäßigen Meldungen über verschwundene Munition und die Dinge, die man so zugetragen bekommt, wenn man selbst Menschen kennt, die Soldat*in sind oder bei der Bundeswehr arbeiten. Und das sind nicht selten Nachrichten über die sonderbaren politischen Einstellungen, die sich „beim Bund“ offensichtlich mit der vielbeschworenen Inneren Führung vereinbaren lassen – und damit meine ich nicht Bundeswehroffiziere a. D., die für die AfD aktiv sind.

Die Krönung dieser Nachrichten aus der uniformierten Welt ist aber natürlich der Oberleutnant der Bundeswehr, der es geschafft hat, ohne Syrisch- oder Arabischkenntnisse als Flüchtling aus Syrien anerkannt zu werden, Hilfsgelder und Hartz4 zu beziehen. Vor allem aber illegal Waffen besaß, sich rechtsradikal äußerte und mit mindestens einem Kumpel (kein Bundeswehrangehöriger) Anschläge auf linke Politiker plante, vielleicht aber auch auf Flüchtlinge. So genau weiß man das noch nicht.

Was man aber sicher weiß: Der Mann hat 2010 eine Masterarbeit geschrieben, bei der er es geschafft hat, dem Thema „Politischer Wandel und Subversionsstrategie“ völkische und neonazistische Aspekte abzuringen. Und zwar so krass, dass die französischen Prüfer der Masterarbeit ihre deutschen Mitprüfer darauf aufmerksam machten (denen scheint es selbst nicht so aufgefallen zu sein). Es kam zu einer disziplinarischen Voruntersuchung, die damit endete, dass der junge Mann seine Arbeit zurückziehen durfte, eine neue einreichen konnte, und alles dafür getan wurde, dass von dem unschönen Vorfall nichts in seine Personalakte hängen blieb. Die Unregelmäßigkeit, die es bei seinem Umgang mit Munition gab, die Hakenkreuz- und HH-Schmierereien, die in den Kasernen auftauchten, in denen er stationiert war – auch die hat anscheinend lange niemand wahrgenommen, geschweige denn daraus irgendwelche Schlüsse gezogen.

Nachdem die staatlichen Stellen dem Oberleutnant wohl eher zufällig auf die Schliche gekommen sind, ist das alles nach und nach ans Licht gekommen – bis hin zu der Möglichkeit, dass sich um den Oberleutnant ein Netzwerk ähnlich Gesinnter innerhalb der Bundeswehr gebildet hat.

Schon bei den Misshandlungen in Pfullendorf hat der Generalinspekteur der Bundeswehr Wieker und das Ministerium auf weitere Vorfälle dieser Art hingewiesen und von einem schweren Führungsversagen gesprochen. Auch die Qualität der Inneren Führung in der Bundeswehr wurde dabei grundsätzlich in Frage gestellt. Nun, nach der Farce um Oberleutnant Franco A. hat Frau von der Leyen dieses Urteil über die Bundeswehr noch einmal wiederholt – diesmal nicht in einer Pressemitteilung, sondern quasi vor der gesamten Nation: in der Tagesschau!

Jetzt aber ist das Geschrei groß: Bundeswehrlobbyisten und die von Medien ernannten Sicherheits- oder Bundeswehrexperten, gefühlsmäßig sowieso eine Personalunion, schäumen durch die Medienlandschaft und erhalten viel Platz, um über den Vertrauensverlust in der Bundeswehr zu schwadronieren. Und zwar nicht den der Bevölkerung in eine Truppe, bei der die Zahl der gemeldeten rechtsradikalen Fälle zunimmt und bei der es ein Neonazis bis zum Oberleutnant schaffte. Nein, angegangen wird die Chefin, weil sie die ganze Truppe unter Verdacht stelle. Und natürlich spricht man immer im Namen aller Bundeswehrangehöriger, na klar. Dieselben Kerle, die eben noch, anlässlich von Bad Reichenhall und Pfullendorf, über die unbedingt notwendige Härte der Ausbildung bramabasierten (Elitetruppe! Kriegseinsatz!), kreischen jetzt Mimimi, weil sie die Chefin hart anfasst. Wie sehr müssen die soldatischen Männer diese Frau hassen, dass sie aus einem Fall von Rechsterrorismus und mehreren Fällen sexualisierter Gewalt (diese beiden Themen gehören übrigens zusammen, wie von der Leyen wohl weiß, die meisten berichtenden Journalisten aber nicht) eine Vertrauenskrise in die Ministerin machen? Eine Ministerin, die offenbar die Unverschämtheit besitzt, den Stall jetzt mal richtig ausmisten zu wollen.

Ob diese Strategie interessierter Kreise, die sich als „die Bundeswehr“ ausgeben, die eigentlichen Probleme schnell vom Tisch verschwinden zu lassen, aufgeht, liegt nicht zuletzt an den Journalisten, die über den Fall berichten. Leider assistieren nicht ganz wenige von denen jetzt schon dem militärisch-weinerlichen Komplex, falls sie nicht sowieso dazu gehören. Das ist genau der verkorkste Korpsgeist, von dem von der Leyen spricht.

(Das Bild zeigt eine Gefechtsübung der Deutsch-Französischen Brigade, bei der Franco A. stationiert war. Quelle: Bundeswehr)

 

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3 Kommentare zu „Vertrauensverlust oder Der militärisch-weinerliche Komplex

  1. Genau! Rufzeichen Punkt. Oder besser Doppelpunkt: Was nun? Der Kriegsdienstverweigerer in mir sagt, „abschaffen!“, der Realist – es ist hier das Konzentrat von Männern zu besichtigen, waffenwillig, kampfbereit, kampfmotiviert, aber wie das, und wer ist das wohl? MIr ist die pflicht-verdünnte Wehr inzwischen fast lieber, mit alle den Heinzen dazwischen, die hingehen und nicht verweigern, aber alle ganz alltägliche Burschen jeder Couleur – lauter Leute, die dann mal auch Laut geben, wenn Idiot in Sicht …
    Aber vielen Dank für die klare Stellungnahme.

    Gefällt 1 Person

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