Prilblumen, Tesafilm und Tagesschau – ein Besuch im Jünger-Haus

Wilflingen ist ein kleines Dorf zwischen Schwäbische Alb und Oberschwaben. Gut 400 Menschen leben hier. Man sieht noch die alte, von der Landwirtschaft geprägte Struktur, aber darüber hat sich seit den 1930er Jahren etwas neues gelegt: das Dorf als ländlicher Wohnraum für Menschen, die in den mittelständischen Betrieben und der öffentlichen Verwaltung der umliegenden Städte arbeiten. Modern war Wilflingen eigentlich schon immer: Bereits 1912 hatte das Dorf eine Wasserleitung und 1914 kam die Elektrizität dazu. Wilflingen war bis zur Gemeindereform 1975 eine selbständiges Gemeinde, seitdem gehört das Dorf zur Gemeinde Langenenslingen.

Dass Wilflingen nicht so zersiedelt wirkt wie andere Dörfer der Gegend, liegt vielleicht daran, dass es ein barockes Residenzdorf ist. 1464 hatten die Schenken von Stauffenberg die Burg Wilflingen zu ihrem Stammsitz gemacht. Aber die wirklich interessante und bis heute das Dorfensemble prägende Phase beginnt erst 1710. Da erben die Brüder Johann Friedrich und Johann Franz gemeinsam das Dorf und was dazu gehört – und machen sich als ambitionierte barocke Reformer gleich daran, ihr Dorf auf Vordermann zu bringen. Das Schloss wurde erweitert und erhielt eine prunkvolle barocke Innenausstattung, neue Wirtschaftsgebäude wurden darum herum errichtet, darunter auch das Forstamt, in dem dann Ernst Jünger mit seiner Familie wohnen wird, und die Poststation mit Gasthof Löwen, in dem wir für unsere Wochenend-Exkursion untergekommen sind. Den Abschluss der großen Bau-Kampagne bildet der Komplett-Umbau der Patronatskirche St. Johann Nepomuk.

Das Schloss und die Kirche, das Forsthaus, der Gasthof, der Friedhof – daran orientieren sich noch immer die Räume, Wege und Fluren von Wiflingen. Und natürlich an der großen Straße, – an ihr liegt der Löwen – , die schon immer Riedlingen und Sigmaringen verbindet. Genau am Löwen wechselt auch der Straßenname von Riedlinger Straße in Sigmaringer Straße, oder umgekehrt, je nachdem, von wo man kommt.

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Wilflingen. Schloß und Kirche
Der Gasthof zum Löwen ist am weitesten vom Schloss entfernt und bildet noch immer den Kern des Dorfes. Wir haben das letzte freie Zimmer, oben im Dach, bekommen. (Es gibt nur sieben.) Von hier sieht man das Schloss, die schönen alten Linden, Buchen und Ulmen in seinem Hof, die meisten Häuser und Gärten des Dorfes, die Felder, die sich nach Enhofen und Heiligkreuztal erstrecken, den Bussen mit der Wallfahrtskirche. Wir sind so hoch oben, dass wir die Rauchschwalben bei ihren Jagdflügen von ganz nah beobachten können. Erst beim dritten oder vierten Mal begreife ich, dass die großen Schatten, die über mich hinwegstreichen, Störche sind. Sie wirken, so aus der Nähe, erstaunlich elegant, fast ein bisschen majestätisch Das Dach gehört zu den Lieblingsplätzen der vier Wilflinger Störche. Vor allem zur Abenddämmerung versammeln sie sich hier, lassen sich vom Wind hoch und wieder herunter treideln oder stehen, vertraulich miteinander klappernd, einfach herum.

Der Löwen ist weitum für sein Essen und seine selbstgebrannten Schnäpse berühmt. Leider sind wir zu früh für das legendäre Schlachtessen dran: Das findet natürlich erst dann statt, wenn traditioneller Weise geschlachtet wird – also im Oktober, November und Januar. In der Chronik des Gasthofes heißt es, dass Jünger bis zuletzt zum Schlachtessen gekommen ist. Die Kutteln, die ich esse, sind ausgezeichnet. Angenehm süßsauer, leicht harn-scharf und von perfekter Konsistenz.

An der Schmalseite des Löwen liegt der Weg, der am Friedhof vorbei durch die Felder zum Wald und nach Billafingen führt. Das ist der Weg, den Jünger genommen hat, wenn er vom Forsthaus in den Wald gegangen ist. Seit ein paar Jahren heißt das Sträßlein nun Ernst-Jünger-Allee und man hat, zusätzlich zu den alten Obstbäumen, noch ein paar weitere Bäume gepflanzt. Aber es bleibt ein typisches Landsträßchen, auf dem vor allem Trecker, Radfahrer und Spaziergänger unterwegs sind. Auf dem Friedhof hat Jünger seine erste Frau, Gretha von Jeinsen, und seine beiden Söhne Ernst und Alexander beerdigt. Zwei Jahre nach dem Tod von Gretha hat er wieder geheiratet, Lieselotte Lohrer, aber im Haus hat er die Zimmer, die Gretha bewohnt und eingerichtet hat, jahrzehntelang kaum verändert. Das Sekretariat, das sich heute in ihrem ehemaligen Schlafzimmer befindet, sei erst später von Lieselotte installiert worden, sagt die Führerin. Beim Gang durchs Haus erzählt sie, dass Jünger zwei Tage und Nächte an Grethas Sterbebett geblieben ist, auf einem kleinen Feldbett. Sie war erst 54, als sie starb – an Krebs. Mir fällt sofort Goethe ein, sicher auch weil einiges am Jünger-Haus an die Weimarsche Geistesfürsten-Inszenierung erinnert, manches auch ein ironischer Kommentar dazu scheint. Als Christiane von Goethe mit 51 Jahren qualvoll an Nierenversagen starb, betrat der große deutsche Geistesheros nicht einmal ihre Gemächer – und nahm auch nicht an ihrer Beerdigung teil. In den Tagebüchern nennt Jünger Gretha Perpetua, die Beständige. Vielleicht nach der Heiligen Perpetua, einer der ersten Märtyrerinnen, deren Schicksal ziemlich glaubwürdig überliefert ist – ihre Heiligenvita stammt teilweise von ihr selbst. Aber das ist Spekulation, ich weiß es nicht. Gretha Jünger hat selbst zwei autobiographische Bücher veröffentlicht, „Die Palette“ und „Silhouetten“.

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Ernst-Jünger-Museum / Forstamt
Lange habe ich mir das Haus, das in der Jünger-Literatur immer die Oberförsterei oder das Forsthaus heißt, genauso vorgestellt – als Solitär im Wald oder Waldrand, mit viel Holz, Geweihe von kapitalen Böcken unterm First, die berühmte Wanne, in der sich Jünger in aller Herrgottsfrühe mit eiskaltem Wasser abgoss, als Bütte vorm Haus. Irgendwie zwischen Kaserne und Thoreaus Klause. Das ist alles Quatsch: Mit einer Oberförsterei oder einem Forsthaus hat das Gebäude stilistisch und auch funktional wenig zu tun. Stattdessen ist es eines dieser für die Gegend sehr typischen, erstaunlich eleganten barocken Amts- und Verwaltungsgebäude, in dem der Amtsträger mit seiner Familie natürlich auch wohnte. Das Haus liegt gegenüber dem Eingang zum Schlossareal, rechts davon kommt die Straße, danach noch ein paar Häuschen aus den 1950er, die Feldflur und der Schlosspark; links ein sehr großes Wirtschaftsgebäude, nicht viel später gebaut als das Forstamt. Es wird als Scheune und Remise genutzt, wahrscheinlich schon immer.

Der Treppenaufgang des Jünger-Hauses, und damit auch das innenliegende Treppenhaus, liegt nicht, wie eigentlich zu erwarten wäre, symmetrisch in der Mitte des Hauses, sondern eine Fensterbreite nach rechts versetzt. Vielleicht, um eine gerade Blickachse zum Schloss zu bilden, vielleicht auch aus praktischen Gründen, weil die Kellergewölbe und deren Eingang schon so angelegt waren – im Haus weiß es niemand und der Dehio sagt nichts dazu. Tritt man ein, steht man in einem großzügigem Flur, der tief ins Haus führt – zu einer weiteren Treppe, zur Küche und dem Durchgang zu dem sehr großen Garten, dessen formal-barocke Anlage man immer noch erkennen kann. Die beiden vorderen Räume, die rechts und links vom Flur abgehen, sind recht hoch, zum Teil mit Gewölbe: Wahrscheinlich waren das ursprünglich die Amtsräume (vom Forstamt aus wurden sehr große Ländereien verwaltet, dazu Leibeigene und Grundhörige), Jüngers nutzten das zur Linken als Esszimmer, die beiden zur Rechten waren Lieselotte Jüngers Räume. (Es gab kein gemeinsames Schlafzimmer mit den Ehefrauen.) Heute befinden sich in den Räumen eine schön gemachte Ausstellung zu Leben und Werk Jüngers – sehr clean, aber die ausgestellten Objekte kommen so quasi emblematisch zur Geltung, dazu einige, gut gemachte Touchscreen-Infokisten. In der Küche befinden sich die Kasse und der „Museumsshop“, im Prinzip ein Klett-Cotta-Mini-Showroom. Die Küchen-Einrichtung ist noch da – das merkt man nicht gleich, aber dann ist es ein grandioser Effekt. Im Flur begegnet man auch schon dem Fluch des Lebens als Dichter, der von politischen Gruppierungen mit zweifelhaftem ästhetischem Urteilsvermögen verehrt wird: Büsten, Ehrenurkunden, Orden, anderer Ehrennippes. Das verfolgt einem bis zum ersten Treppenpodest, dann beginnen die Bücherregale, das zweite Treppenpodest, eigentlich ein kleiner Flur oder Antechambre, ist dann komplett der Naturkunde gewidmet: auf der einen Seite die schönen, maßgefertigten Schränke mit den Käfern, gegenüber die entomologische Fachliteratur. Viel 19. Jahrhundert, eine Entomologie vor der Ära der Elektronenmikroskope und der Genetik, Systematiken, Lexika, Handbücher. Von meinem Lieblingsinsektenkundler, dem großen Jean-Henri Fabre, steht da nur ein kleiner Auswahlband. Ich schniefe verächtlich und beginne Schlüsse zu ziehen, die Führerin guckt ein bisschen erschreckt – ich frage sie schnell, ob sich den jemand um die Sammlung kümmere und die Fachliteratur aufgearbeitet würde. Ein Profi aus einem naturhistorischen Museum begutachte jedes Jahr den Zustand, restauriere abgefallene Beinchen, aber geforscht werde nicht. Sie sagt das, als wäre das Ansinnen, die Jüngersche Käfersammlung zu beforschen, eine der absurderen Fragen, die sie bisher in ihrem Führerinnen- und Restauratorinnen-Dasein im Jünger-Haus gehört habe. Der Herr vom DLA in Marbach, der die Bibliothek erschließt und sein Büro unterm Dach hat, kümmert sich wohl auch um die entomologische Literatur. Das Projekt soll 2018 beendet sein, man wird sehen.

Der Rest des Vorzimmers um das Fenster herum ist mit allerlei Mitbringseln und Fundstücken von Reisen und Spaziergängen dekoriert: Viele, sehr viele Schlangenhäute, ein Kugelfisch, Muscheln (im Haus stehen mehrere riesige Körbe voll mit Muscheln und Schnecken), Mini-Alligatoren und kleine, getrocknete Echsen, Versteinerungen, Mineralien, Sanduhren, Spazierstöcke mit auffälligen Griffen. – Das alles schwankt zwischen der Anmutung eines alten Naturalienkabinetts, wie man sie bis in die 1990er in alten Heimatmuseen finden konnte, um 1900 von einem enthusiastischen oder vielleicht auch nur sehr gelangweilten Schulmeister aufgebaut und von den nachfolgenden Generationen immer wieder liebevoll abgestaubt, und dem einer verspäteten Wunderkammer, deren Kurator seine Schwäche für recht offensichtlichen Symbolismus für Tiefsinn hält. Rechts folgt dann die „Große Bibliothek“, ein vielleicht 20 Quadratmeter großer Raum, an jeder Wand für Bücherregale genutzt, wenn’s geht bis unter die Decke. Dazu eine Sitzgarnitur (niedriger Sofatisch, vier Sessel, ursprünglich vielleicht aus den 70ern) – das Repräsentationszimmer. Hier hat Jünger die wichtigen Leute empfangen, von denen er vor allem während der Kohl-Kanzlerschaft heimgesucht wurde. Die Bibliothek selbst enthält fast keine Belletristik nach 1950, viele Gesammelte Werke in schönen handlichen Formaten des 19. Jahrhunderts, vor allem französische Aufklärungsphilosophen und Moralisten, Schopenhauer und Schelling, Goethe, Nietzsche, Bibeln, Enzyklopädien, Lexika, Wörterbücher, Geschichtsdarstellungen, eine halbes Regal zum Zweiten Weltkrieg und zu Nazi-Größen, Werke seiner Freunde und Bekannten (meist Deutschnationale, Rechtskonservative, Reaktionäre, französische, spanische und italienische Faschisten, aber auch Marcuse und Benjamin), Abenteuerromane (ich meine Verne und die beiden Dumas gesehen zu haben). Erstaunlich viel existentialistischer Kitsch wie Eliade, Heidegger, Spranger, das war in den 50er und 60er unter bürgerlichen Lesern aber natürlich sehr beliebt (mein Großonkel, ehemaliger Schuldirektor und der einzige studierte Mensch in meiner Familie bevor ich studierte, schätzte die auch, genauso wie Jasper, der sich auch bei Jünger findet.) Einige sehr alte Bücher, 16. & 17. Jahrhundert, die er erworben hatte, weil sie ihm einfach optisch gefielen. Die stehen ganz oben, gut sichtbar auf dem Regal an der Längswand Parade. Kaum Fotos, Bilder oder Bric-à-Brac an den Wänden oder in den Regalen – der Raum wurde ja für die Bücher gebraucht –, dafür ist die erste der tiefen Fensterbänke mit den Fotos verstorbener Freunde vollgestellt. So weit ich das sehen konnte, nur zwei Frauen, darunter Hannah Arendt. Das jüngste Gesicht ist gleichzeitig das älteste Foto: der junge Soldat auf dem Bild hat den schwerverletzten Ernst Jünger, der sein Leutnant war, aus der Schusslinie getragen und ist dabei selbst erschossen worden. Ich weiß nicht mehr, wie er heißt – und im Internet kann ich seinen Namen nicht finden. (Ergänzung: Der Soldat heißt Ludwig Hengstmann. Danke an Tobias Wimbauer für die Information.) 

Jünger nannte die Foto-Sammlung seinen Freunde-Friedhof: Hier stand man nur, wenn man schon tot war. Am Schluss waren es dann sehr viele, und gar nicht so wenige, die vermutlich davon ausgegangen sind, dass Jünger vor ihnen sterben würde. Ein ambivalentes Entrée für die wichtigen Männer, die hier zu Sekt und Häppchen empfangen wurden. Ob es einer von ihnen als seltsam empfunden hat?

Dahinter das Arbeitszimmer: ziemlich groß, an den Fenstern ein langer Doppelschreibtisch: die eine Seite zum Schreiben, die andere Seite zum Fundstücke untersuchen und präparieren, mit Lupen, Pinzetten, Mikroskop – was man halt so braucht. Auf der Schreibseite steht auf dem Fensterbrett ein Foto von Lieselotte Jünger, auf dem sie noch recht jung ist, so um die 30. Daneben eine kleine Widder-Statue, aus Bronze vielleicht, vage minoisch-kretisch, archaisch-mittelmeerisch. Der kleine Widder drückt sein Köpfchen an das eines kleinen Stieres aus folkloristisch-bunt bemalten Ton – Stierlein war der Kosename Lieselotte Jüngers, Sternbild Stier, der Widder ist das Sternzeichen Jüngers. Hinter der Schreibseite ein Regal mit Jüngers Handbibliothek und seinen „Erweckungsautoren“: Hamann, Schopenhauer, Rimbaud; hinter der Untersuchungsseite Regale mit den Kirchenvätern, Bestimmungsbüchern, dem Brockhaus. Daneben ein neo-barocker Vitrinenschrank mit den Fotos seiner Familie: die Eltern, Geschwister, Gretha als 20er Jahre Beauté. Das ganz, ganz junge Gesicht von Ernstl, der mit 18 im November 1944 in Italien gefallen ist; das Gesicht eines Ende 40jährigen Mannes aus den 80ern – Alexander, der sich als Ausweg vor dem Gehirntumor erschossen hat. Friedrich Georg Jünger wie für eine Autogrammkarte fotografiert. (Er hatte wirklich Star-Appeal.) Sanduhren, Spazierstöcke, Nautilusmuscheln, Fotos von Jünger in seinen verschiedenen Uniformen, wilhelminische Kunstdrucke – ein großer, prominent platzierter mit Herkules am Scheideweg; eine Postkarte von Brueghels Turmbau zu Babel aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien. Eine Lithographie von Alfred Kubin „Begegnung im Walde“ (nach einem Text Jüngers) über seinem eigenen Helm aus dem Ersten Weltkrieg, mit Kugelloch, und einem ebenso gelöcherten englischem Helm, den er einem toten englischen Offizier abgenommen hat. Ein Plakat aus den 1920ern, auf dem ein Freikorpsler martialisch herumstiert. Gekontert wird die persönliche Militärgeschichte durch ein Beistelltischchen voll mit Bastelutensilien, einen Kästchen Schulwachsmalstiften, Lupen, Scheren, Büroklammern und Kordeln. Im Regal prangt ein großer Tesa-Film-Tischabroller. Jünger liebte Tesa: Fundstücke, Ausgeschnittenes, Zettel und alles, was sich irgendwie mit Tesa kleben ließ, klebte er mit Tesa in seine Tage- und Notizbücher. Ein Fluch für die heutigen Restauratoren. Irgendwo im Regal ein Anti-Jünger-Heftchen, im Konkret-Magazin-Look, das, wenn ich mich richtig erinnere, bei den Protesten gegen die Verleihung des Frankfurter Goethepreises verteilt wurde.

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Jüngers Arbeitszimmer. Tesarolle mit Kirchenvätern.
Dann das Schlafzimmer, das auf den Garten heraus geht: viel heller als die anderen Zimmer, Bettbezug, Vorhänge und Sessel-Bezug sind mit einem fröhlichen 70er Jahre orang-gelb-grünen Sonnenblumen-Stoff bezogen. Prilblumen. Als hätte die Tardis eines der Zimmer der älteren Schwestern meiner Kindergarten- oder Grundschulfreundinnen hertransportiert. Passend dazu: ein Kunstdruck von Renoirs Bal du Moulin de la Galette – für Jünger eine Erinnerung an seine Pariser Zeit, sagt die Führerin. Ich bin anscheinend die einzige, der dabei innerlich die Kinnlade runterfällt: Der Mann erinnert sich seine Zeit als Besatzungsoffizier in Paris als Betriebsausflug ins Klischee-Paris der Café Concerts und der Bohème mit zärtlichen Modistinnen, Musette-Walzern und impressionistischen Malern. Der Anachronismus ist so obszön, das es fast schon komisch ist – das Bild zeigt eine Zeit, in der selbst der ewige Jünger noch nicht geboren war, und dieses Paris ist 1942 oder 43, als Jünger das Original im Louvre wahrscheinlich gesehen hat, schon längst selbst ein Touristen-Klischee. Paris – die Stadt der Liebe und der Lichter, Ernst Jüngers ganz eigenes Moveable Feast zwischen Briefzensur und Erschießungskommandos. Meine Güte. Passt aber natürlich super zur peinlichen Erdbeeren in Burgunder vor Luftangriff-Szene aus dem Tagebuch, an der sich die zahlreichen Provinz-Ästheten und Hilfs-Nihilisten unter den Jünger-Jüngern so gerne berauschen. („J’aimerai toujours le temps des cerises et le souvenir que je garde au cœur.“ – Ob eine der niedlichen Pariserinnen Jünger wohl erzählt hat, dass das Bild ein Massengrab zeigt? Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 stürmten preußische Truppen den Montmartre. Gleich neben der Moulin de la Galette, damals auch noch eine Mühle, wurden die Leichen von Pariserinnen und Parisern, die bei der Verteidigung der Stadt und im Aufstand der Commune zu Tode gekommen waren, in einem Massengrab zusammengeschüttet. Der Ausnahmezustand, der seit 1871 in Paris herrschte, wurde erst 1876, aufgehoben, dem Entstehungsjahr des Bildes.)

Das ist etwas, das mir erst später auffällt: In den Räumen, die Jünger selbst intensiv nutzte, finden sich keine offenen Erinnerungsspuren an das Dritte Reich und seine Zeit als Wehrmachtsoffizier. Keine Uniformteile, keine Fotos, keine Mitbringsel. Nichts. Stattdessen hat sich Jünger 1981 bei Arno Breker eine Porträt-Büste bestellt und sich bei den Modell-Sitzungen von ihm mit Anekdoten aus dem Leben eines Nazi-Schoßhündchens regalieren lassen. Schon 1942 hatte man sich bei einem Dinner im Ritz, anlässlich der großen Breker-Ausstellung, die Hitler seinem Liebling im besetzten Paris ausrichten ließ, gemeinsam amüsiert. Breker und Jünger gemein ist auch die Picasso-Anekdote: Jünger besucht Picasso 1942 in seinem Atelier in der Rue des Grands-Augustins – man merkt der Tagebuch-Passage an, dass er nichts mit der Kunst Picassos anfangen kann, es aber gerne würde. Breker behauptete, Picasso vor der Deportation ins KZ gerettet zu haben – praktischer Weise waren alle Menschen, die den Wahrheitsgehalt der Geschichte hätten in Zweifeln ziehen können, 1945 tot.

Jüngers Wehrmachtsjahre: versteckt in einem Renoir von 1876 und einer Neo-Nazi-Büste von 1981.

Jünger hat seinen Breker-Kopf, ein Oberstudienratsgesicht, das jemand als letzten Römer verkleidet hat, mit diversen anderen Porträt-Köpfen, seinem „Schädel-Kabinett“, im Fernseh-Zimmer cum Salon cum kleiner Kunsthistorischer Bibliothek deponiert. Hier steht auch ein Vitrinenschrank mit den zahllosen Orden, Urkunden, Ehrenzeichen, Preisen etc., mit denen Jünger überschüttet wurde. Darunter, nicht besonders prominent platziert, auch der Pour Le Merite, der höchste preußische Orden, dessen zweitjüngster Träger er überhaupt war, und sein letzter. Der Orden ist sehr hübsch – man merkt, dass er aus einer Zeit kommt, in der man Orden ganz selbstverständlich trug und entsprechend gestaltete. Aber eigentlich hat er in dieser Vitrine nix zu suchen. Jünger wollte mit ihm begraben werden. Diesen Wunsch hat ihm seine Witwe nicht erfüllt. Stattdessen dürfen wir das Ding jetzt bestaunen.

Das auffälligste im Raum ist aber der Fernseher, das einzige elektrische Gerät in der Wohnung. Wie alle Deutschen hat Jünger jeden Abend um Acht die Tagesschau geguckt – und wohl auch ganz gerne Krimis. Die Führerin muss ein bisschen lachen, als sie das erzählt, hat sie uns doch vorher von Jüngers kulturkonservativen Ausfällen gegen die Massenmedien berichtet. Die Oberstudienräte und Gattinnen hatten andächtig dazu genickt. Um das Fernsehen herum steht Jüngers kunsthistorische Bibliothek: meistens Kataloge, einiges an Überblicksdarstellungen, thematisch stark auf archaische und indigene Kunst, Mittelalter, Surrealismus fokussiert, dazu Künstler, die Jünger verbunden waren (bestimmt auch viele geschenkte Kataloge dabei), Kunst- und Gestaltpsychologie, Archetypen-Lehren, Heidegger noch weiter verschwafelnde Kunstphilosophie – also das Zeug, vor dem mich meine Kunstgeschichtsprofessoren, die von deutschen Exil-Kunsthistorikern und deren Schülern in den USA und Großbritannien ausgebildet wurden, immer gewarnt haben. Tatsächlich sehe ich, soweit ich das überhaupt genauer erkennen kann, keinen der großen Namen: kein Panofsky, kein Gombrich, dafür Sedlmayer, war ja klar.

An der Wand hängt ein hübsches, neu-sachliches Gemälde, das ein bisschen wie in einem E. O. Plauen-Kartoon die erste Begegnung zwischen Ernst und Gretha, auf einer Straße in Hannover, schildert – Liebe auf den ersten Blick, coup de foudre. Den Namen des Malers habe ich vergessen, er war mit Jüngers befreundet, für Rudolf Schlichter wirkt es eigentlich zu leichtfüßig. Neben die Schädel-Stätte hat Jünger das schöne Porträt in Tinte und Wasserfarbe gehängt, das Horst Janssen gemacht hat. Größer könnte der Unterschied nicht sein – vom Kult der Kälte, soldatischer Härte, Offiziersethos und wie die Selbst- und Fremdbezeichnungen für Jüngers Männlichkeits-Performance sonst so lauten, ist hier wenig zu spüren. Stattdessen: ein zwar durchdringender, aber auch alarmierter Blick – als wäre ihm das Wimmeln der Welt eigentlich ein bisschen zu viel. Die zwei Bilder unterscheiden sich durch ihren fehlenden doppelten Boden sehr von den anderen Bildern im Haus: Offensichtlich hatte Jünger ein Faible für hochsymbolistischen Kram, von Klinger, Kubin bis zu den deutschen Surrealisten der Nachkriegszeit – die sitzen alle irgendwie im Ästhetizismus des Fin de Siècle fest. Und leider auch in dessen ästhetischen Mitteln. Für die eigentliche, die Klassische Moderne scheint der Mann, der so gerne den kalten Blick für sich beanspruchte, gar keinen Blick zu haben – vielleicht weil er ständig auf der Suche nach irgendwelchen tieferen Sinnen und kosmischen Zusammenhängen war; der Blick derjenigen, die das großen Farben- und Formenspiel von Natur und Kunst eben doch nicht aushalten, ohne es ständig auf den eigenen Standpunkt im Universum zu beziehen. Oft eine Art Mystiker, gar nicht so selten ein Kitschist. Und im besten Fall immer mal wieder ein sehr guter Beschreiber.

Zum Schluss kaufe ich mir eine Postkarte vom 100-jährigen Jünger, das Waldgang-Taschenbuch und ein schön aussehendes Bändchen „Ernst Jünger in Wilflingen“ – ein ganz schwer erträglicher Text, aber viele Bilder. Die Führerin sagt uns, wir könnten auch gerne selbst Fotos machen, das sei kein Problem. Alle gehen wieder nach oben, fotografieren Arbeitszimmer und Schreibtisch. Wir sind die einzigen, die das große weiß-rosa Badezimmer fotografieren. Und den Tesafilm-Roller.

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La Vie en Rose – Jüngers Bad.
Alle Fotos von Thomas Weise

Update: Ens Oeser hat seinen Besuch im Jünger-Haus 2006, also noch vor der Renovierung und Neu-Konzeption durch das DLA Marbach, vor Kurzem auch niedergeschrieben – in sechs Blogposts. Hier gehts zum ersten Teil: https://hobbypop.wordpress.com/2015/05/28/zu-gast-bei-ernst-junger-teil-1-wilflingen-im-regen-ein-gemalde/

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5 Kommentare zu „Prilblumen, Tesafilm und Tagesschau – ein Besuch im Jünger-Haus

  1. So oft bin ich da schon vorbei gefahren, und nie auf die Idee gekommen, dass die Räume zu besichtigen sind. Früher hat er ja noch gelebt, da kann man ja als unbedeutender Mensch nicht einfach klingeln. Danke sehr für den Bericht, den Tesafilm und das große Rosa.

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  2. Mit Ihren Augen sehend: vom Außenraum i(geographische Position) ins Gehäuse, einem archivierten Lebensraum gleitend – streng, detailliert, ein wenig ironisch – großartige Zeichnung!

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