Erinnerungen einer Feuilleton-Leserin

Ich habe früher, prä-Internet, aber vor allem prä-Social Media, Feuilleton mit religiösem Ernst gelesen. In meiner Familie, Arbeiter*innen, Handwerker und Bäuer*innen, gab es zwar immer eine Tageszeitung (die lokale, Gießener Anzeiger), aber das Feuilleton mit großem F habe ich erst in der Oberstufe kennengelernt. Und von da an las ich, was ich kriegen konnte. Im Germanistik-Studium ging das soweit, dass ich die NZZ abonnierte (1990er, those where the days) und meine Eltern die Zeit, damit ich das Feuilleton da lesen konnte. FAZ und Süddeutsche interessanterweise nur via Stadt- und Unibibliothek, keine Ahnung warum. Deren Buch-Beilagen habe ich mir aber immer gekauft und sie sorgfältig durchgearbeitet. Und ich fand das auch alles sehr beeindruckend und schlau. Dass da fast keine Frauen schrieben und dass da sehr selten Bücher von Autorinnen rezensiert wurden, fiel mir sehr lange noch nicht mal auf. Und natürlich habe ich das Literarische Quartett mit Marcel Reich-Ranicki geguckt – immerhin da wurde von Sigrid Löffler die seltsame Abwesenheit von Autorinnen immer wieder kritisch angemerkt (ich fand das manchmal ein bisschen übertrieben, ich Schaf – und das obwohl ich mit 16, 17 begonnen hatte, feministische Klassikerinnen wie Beauvoir zu lesen). Dass da eigentlich nie Leute mit meinem sozio-kulturellen Hintergrund vorkamen, dass habe ich erst am Ende meines Studiums gemerkt, als klar wurde, dass die mittelbegabten Bildungsbürgerkinder die Volontariate kriegen und die anderen ins Lehramt gehen. Oder promovieren, wie ich – was mich endgültig zum Einhorn in und außerhalb Akademiens machte. (Das sind Menschen, die als erste in ihrer Familie studieren und promovieren übrigens immer noch. Fast dreißig Jahre nach meinem ersten Semester.)

Ich habe also das Feuilleton (ich vereinfache das hier mal so wie im Feuilleton gerne Twitter oder Social Media vereinfacht wird) in seiner großen Zeit kennen gelernt. Super-fette Buchmessen-Beilagen plus Frühlings-Buchbeilage und Summer Reading-Tipps, Berliner Seiten, Reich-Ranicki, Schirrmacher, Löffler, alles ganz wichtige Leute. Was in den großen Feuilletons besprochen wurde oder im Literarischen Quartett, lag auf den prominenten Präsentationsflächen in den Buchhandlungen.

Heute bin ich auf den Merkur und die London Review of Books abonniert sowie auf mindestens 10 irgendwie mit Kultur, Kunst und Literatur befasste Newsletter (mostly in Englisch). Unser Haushalt hat außerdem die gute der lokalen Tageszeitungen abonniert – die Stuttgarter Zeitung, die auch ein ganz gut sortiertes Feuilleton hat. Dazu beziehen wir wöchentlich die Jüdische Allgemeine, die auch ein Feuilleton hat, und Jungle World. Überregionale Zeitungen kaufe ich mir eher selten, außer Mittwochs, da kaufe ich oft die FAZ, wegen des Natur- und Geisteswissenschaftenteils.

Letztes Jahr habe ich mir seit Jahrzehnten mal wieder die Buchmessen-Beilagen von FAZ und Süddeutsche gekauft, weil ich – via Social Media – Leute kenne, die da schreiben. Oder über die da geschrieben wird. Vielleicht werde ich es nächstes Jahr wieder machen, wahrscheinlich eher nicht.

Impulse und Anregungen, um für mich neue Autor*innen zu entdecken, liefert mir das LRB – und „das Internet“, vor allem über eine schwer kunst- und literaturlastig zusammengestellte Twitter- und Instagram-Timeline. Im deutschsprachigen Print-Feuilleton findet zumindest im Bereich Literatur wenig von dem statt, was mich interessiert. Und wenn das, was mich interessiert, dort endlich auftaucht, habe ich es meist schon Wochen vorher von jemand aus meiner Twitter-Bubble gepostet, weitergeleitet oder getaggt bekommen. Oder bin selbst draufgestoßen.

Dass das deutsch-sprachige Literatur-Feuilleton (bei Ausstellungen und Aufführungen sieht’s schon anders aus) seine Bedeutung für mich verloren hat, liegt nicht so sehr am Feuilleton, vermute ich, sondern an mir: Das nun zugängliche beziehungsweise sich überhaupt erst konstituierende Netz an Wissensbereichen und kulturellen Praxen jenseits des engen Horizontes, den man glaubt bedienen zu müssen, wenn man hauptsächlich für Leser über 60, besser verdienend, Theater- oder Opernabo in der Xten Generation* schreibt, hat es mir ermöglicht, einen sehr individuellen, sehr differenzierten Geschmack auszubilden. Und das ohne dabei das kulturelle Kapital zu entwerten, dass man sich in einem typischen geisteswissenschaftlichen Studium (Germanistik, Kunstgeschichte, Philosophie) zusammenträgt, wenn man ein bisschen bei der Sache war. Denn das ist ja der Vorteil eines sehr statischen Bereiches wie der Offizial-Kultur: Es ändert sich in 20, 25 Jahren fast nix, die Besprochenen und die Besprechenden werden nur älter, manche sterben und kriegen so erst recht den kanonischen Dead White Male Status. Wenn du die mal im Kopf hast, kann dir beim Small Talk mit konventionell gebildetem Bürgertum nichts passieren.

(*Das ist, nur leicht verkürzt, tatsächlich das Profil des typischen Abonnenten einer überregionalen deutschen Tages- oder Wochenzeitung.)

Aber jetzt hat sich wohl doch was geändert: Nach Jahren der Ignoranz der Dinge, die da in diesem Internetz passieren, ist es, in Gestalt der naseweisen Leute mit allen möglichen Social Media Accounts, die sich einfach selbst zum Reden über und Machen von Kultur-Artefakten aller Art ermächtigt haben, jetzt ein definierender Faktor für das geworden, was das eigentliche Feuilleton sei mit seinem in Jahrhunderten ausgebildeten kritischen Diskurs und einzigartigem Differenzierungsvermögen. Ganz arg ist es im Bereich Literatur: Da werden jetzt regelmäßig die Frontex-Truppe des Literarisch Bedeutsamen in Gefechtsbereitschaft gegen die barbarischen Horden Twitters und des Internetz gesetzt (so genau muss man das ja alles nicht trennen), die Kanoniere des Kanons, die Avantgardisten der Bewährten.

Natürlich geht gleichzeitig der ganz normale Betrieb weiter wie zum Beispiel eine Doppelseite Buchbesprechung, in der NUR weiße Autoren besprochen werden wie jüngst in meiner Tageszeitung, der Stuttgarter Zeitung, oder ein Krimi-Special, in dem NUR weiße Autoren auftauchen wie jüngst in der Süddeutschen Zeitung. Also es ist alles wie immer, nur das es jetzt immer mehr Leute gibt, die IM INTERNET sagen, wie blöd sie das finden, oder die gar Konsequenzen aus Allem wie immer ziehen und ihre Abos kündigen. Und dann ist da noch das wirklich gravierende Problem: Entwertung des eigenen kulturellen und ökonomischen Kapitals. Man braucht kein Feuilleton mehr zu lesen oder gar zu kaufen, um au courant zu sein. Der Courant hat sich woanders hin gewendet, vermutlich gibt es ihn gar nicht mehr. Selbst auf Theaterpremieren oder Vernissagen findet man kaum noch Zeitungsleser*innen, die wissen, was im Feuilleton debattiert wird.

Der Verlust kultureller Deutungsmacht geht einher mit dem ökonomischen Schrumpfen des Feldes: Feuilleton-Redaktionen werden geschrumpft, Honorare wachsen nicht oder werden massiv zusammengestrichen, Seiten und Sendezeiten verschwinden. Und gleichzeitig werde Werbeetats in den immer größer werdender Kontinent des Lesens im Meer des Digitalen verschoben. Wo Menschen einfach loslegen und über ihre Lieblingsliteratur sprechen, schreiben, photoshoppen, Fan-Fiction schreiben, memen – und worüber mittlerweile auch tatsächlich Bücher verkauft werden. Nicht wenige sogar. Und vielleicht deswegen wird der Ton bei jeder neuen kritischen Aufwallung auch mittlerweile so scharf. Manche von denen haben Reichweiten, von denen Print-Kritiker heute fast nur noch träumen können. Sie alle zusammen sowieso. Und sie stellen Kontakt zu sozio-ökonomischen Zielgruppen her, die das Feuilleton per definitionem nicht anspricht. Das macht ‚diese Leute’ natürlich attraktiv für die Verlage, die die Bücher, die sie produzieren, vor allem mal verkaufen wollen. Rezensionen bei Amazonen und auf Lese-Plattformen wie Goodreads bewegen mittlerweile wohl schon mehr als das klassische Rezensionswesen. Ich habe die letzten zwei Jahre mehr Bücher durch Tipps und Hinweise von Twitter-, Goodreads- und Mojoreads-Accounts angeregt gekauft als durch die letzten Jahre Feuilleton-lesen.

Ironischer Weise macht Anti-Internet-Schlachtgetümmel im Feuilleton, brav via den Social Media Content-Redaktionen der großen Zeitungen auf Twitter und Facebook ausgespielt, schön die Clicks, die die 25. Rezension zu Habermas Spätwerk nicht macht. Und wir sind in der schönen Situation, dass im Prinzip die Social Media Barbaren, die sich über das AWM-Feuilleton ärgern, die letzten engagierten Feuilletonleser*innen sind. O, the Irony! Ich vermute aber, wenn ich mich mal als Avantgarde der Mediennutzung kulturell-überinteressierter annehme (und das müssen klassische Feuilletonleser*innen mittlerweile sein), das gibt sich bald auch.

Ergänzung 18. 11. 2019: Im Podcast LakonischElegant sprechen Samira El Ouassil, Jagoda Marinić, Ebru Taşdemir und Paul Bokowski über das Feuilleton und wie sie mehr oder weniger nicht darin vorkommen. Man erfährt auch ein paar interessante Zahlen zu ökonomischer Bedeutung. (Hint: Wenn Ihr Euren Lieblingsautor*innen was Gutes tun wollt, rezensiert sie auf Amazon. Alles andere ist egal. Quasi.)

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