Nicht ganz so fantastisch: Fantastische Frauen in der Schirn

Eileen Agar, Lola Álvarez Bravo, Rachel Baes, Emmy Bridgewater, Jane Graverol, Valentine Hugo, Jacqueline Lamba, Sheila Legge, Emila Medková, Suzanne Muzard, Valentine Penrose, Alice Rahon, Edith Rimmington, Kay Sage, Bridget Tichenor, Toyen – von den 34 Künstlerinnen, die in der Schirn unter dem Titel „Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Opppenheim bis Frida Kahlo“ präsentiert werden, habe ich diese 16 nur dem Namen nach (meist als Frau oder Geliebte von) oder gar nicht gekannt. Das ist also fast die Hälfte. Nur bei der Ausstellung „Geschlechterkampf“ im Städel von 2016/2017 und der Documenta 12 (2007) habe ich bei einer Ausstellung mehr mir neue Künstler*innen kennengelernt. Dass die Namensliste am Anfang nicht noch länger ist, verdanke ich auch den beiden andere Ausstellungen – und dass zu Künstlerinnen im Surrealismus bereits seit Jahrzehnten vor allem von feministisch, gender (oder) queer interessierten Wissenschaftler*innen kontinuierlich geforscht wird. Schon allein für die schiere Menge an Kunstwerken, die man zumindest live noch nie gesehen hat, lohnt sich ein Besuch der Ausstellung, die noch bis zum 5. Juli in der Schirn in Frankfurt zu sehen ist.

Im Katalog zur Ausstellung wird auf die unterschiedlichen kunsthistorischen und sozialen Mechanismen eingegangen, die dazu geführt haben, dass der Surrealismus genauso als Men only Circle Jerk kanonisiert worden ist wie bisher noch jede andere als Avantgarde anerkannte künstlerische Bewegung. Frauen, queere Personen und nicht-weiße Menschen aus Kunst-Szenen und -Bewegungen auszuschließen, um dann ein paar weiße Männer als „Avantgarde“ zu etablieren, – das könnte man sogar als die eigentliche Arbeit der Kanonisierung als „Moderne Kunst“ bezeichnen. Oder welches von Frauen, PoC oder LGBTQIA-Personen angeführte oder geprägte Kunst- oder Literatur-Kollektiv kennt ihr, das in der Standard-Story der Kunst- und Literaturgeschichte der Moderne als Ismen-prägende Avantgarde-Gruppe anerkannt würde und nicht als zweitrangig oder defizitär, weil ja in Wahrheit politisch oder sozial motiviert, abgewertet wird? Katalog und Ausstellung zeigen deutlich, wie nahewegs surreal diese Vermaskulinierung gerade beim Surrealismus und seinen Ausläufern ist: So viele Frauen mit interessanten, wenn nicht sogar bewegungs-prägenden künstlerischen Praktiken gibt es in wenigen anderen Ismen oder Avantgarden. (Vielleicht hat man bei den andere nur noch nicht genau nachgeforscht, siehe zB. die sich wandelnde kunsthistorische Anerkennung der prägenden Bedeutung von Morrisot, Cassat oder Modersohn-Becker.)

Leider geht das kuratorische Konzept der Ausstellung über das Aufzählen und Vorzeigen weiblicher Positionen im und zum Surrealismus nicht hinaus. Wenn man sich vom ersten Schock des Nicht-Kennens erholt hat, stellen sich viele Frage, die sich die Ausstellung selbst leider nicht stellt, auf jeden Fall nicht beantwortet. Da wären zum einen die Kriterien für die Auswahl der Künstlerinnen: Die künstlerische Qualität der ausgestellten Arbeiten ist ziemlich schwankend. Extrem originelle, innovative oder ästhetisch gelungene Werke stehen unkommentiert neben Positionen, bei denen man mit ein bisschen Basiswissen Surrealismus sehr deutlich benennen kann, wessen Werk hier bewusst oder unbewusst nachgeahmt wird oder welches surrealistische Dogma einfach abgearbeitet oder bebildert wird. Es schadet natürlich gar nichts, dass auch zweitklassige Werke ausgestellt werden. Die Museen und Ausstellungen der Welt hängen voller Werke zweit- bis n!-klassiger Werke von Männern, auch weitgehend unkommentiert. Aber auch hier wüsste ich gerne, was ich auch gerne bei den Fantastischen Frauen wüsste: Warum wird gerade diese Gruppe Künstlerinnen so zusammen ausgestellt – und präsentiert man nicht zum Beispiel mehr unbekannte Künstlerinnen statt Louise Bourgeois und Frida Kahlo oder Leonora Carrington. Vermisst habe ich auch eine generelle Auseinandersetzung und historische sowie theoretische Kontextualisierung von Begriffen wie „Frau“, „Geschlecht“, „Unbewusstes / Unterbewusstes“, „Okkultismus“, „Folklore“, „Esoterik“ etc. und der Bedeutung und Rolle der Psychoanalyse: In den Ausstellungstexten werden sie immer wieder zur Interpretation von Werken herangezogen, man erfährt aber nirgends, was denn genau darunter zu verstehen sei – und vor allem nicht, wie sich die einzelnen Künstlerinnen dazu positionierten oder damit arbeiteten.

Was bei einer Ausstellung, die sich zumindest diffus feministisch präsentiert, besonders verwundert, ist die Abwesenheit historischer und auch aktueller Debatten um Gender, Weiblichkeit(en) als Performance, der Historizität von Sexualitäten und Gender-Zuschreibungen. Zumal sich viele Surrealist*innen die Befragung dieser Kategorien bürgerlicher Identitätsbildung selbst zur Aufgabe gemacht und hier auch wirkliche Pionier*innenarbeit geleistet haben. Man kann mit ein bisschen Vorkenntnis einiges davon in der Ausstellung sehen, kuratorisch aufgegriffen wird davon nichts. So werden die unterschiedlichen Positionen surrealistischer Künstlerinnen zu den oft gesichtslähmend konventionellen Begriffen und Phantasien surrealistischer Chef-Denker und -Künstler zu Weiblichkeit und Sexualität in der Ausstellung selbst kaum thematisiert. Das kann man wohlwollend als Intention der Kurator*innen verstehen, nicht schon wieder Männer Vorgaben über das machen zu lassen, mit dem sich Frauen zu beschäftigen haben. Bloß hätte das auch in diesem Falle nichts mit der historischen Realität zu tun und ginge komplett am Werk vieler der ausgestellten Frauen vorbei.

Im empfehlenswerten umfangreichen digitalen Begleitprogramm zur Ausstellung auf der Schirn Webseite wird einiges von dem, was ich hier kritisch anmerke, thematisiert und einiges an historischem Kontext, in dem sich die Künstlerinne bewegten, dargestellt und erklärt. Ich hätte mir gewünscht, man sähe in der Ausstellung selbst davon mehr.

Die pandemischen Schutzmaßnahmen in der Schirn beeinträchtigen das Besuchserlebnis kaum. Die Aufsichtspersonen gehen geschickt und freundlich mit Fehlern der Besucher*innen um. Die Besucher*innen haben sich deutlich bemüht, die Sache gut zu machen. Einige ältere Herren ausgenommen, die an Unsterblichkeitssyndrom zu leiden schienen.

Foto-Credits: FANTASTISCHE FRAUEN. SURREALE WELTEN VON MERET OPPENHEIM BIS FRIDA KAHLO, Ausstellungsansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2020, Foto: Norbert Miguletz

Ein Kommentar zu „Nicht ganz so fantastisch: Fantastische Frauen in der Schirn

  1. Diese Dudes leiden nicht an „Unsterblichkeitssyndrom“. Da die Masken in erster Linie Schutz für andere darstellen, machen sie das, was sie ihr ganzes Leben gemacht haben: Rücksichts- und respektlos anderen gegenüber agieren.

    Und Danke für den Beitrag! Er hat mich in meiner Entscheidung bekräftigt, die Ausstellung nicht zu besuchen.Die HP hatte mir so große Lust darauf gemacht.

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