Akademische Karriereplanung gibt es nicht

Der für mich seltsamste Aspekt des an Seltsamkeiten nicht armen Hanna-Videos des Bundeswissenschaftsministeriums kommt ziemlich am Schluss: Da erzählt uns das Video, dass Hanna immer bei akademischen Beratungsstellen sitzt, um alles richtig zu machen, denn sie wisse, dass für eine akademische Karriere Planung wichtig ist.

Was für ein Unfug. Eine ehrliche Beraterin würde Hanna deutlich dazu ermuntern, sich nach einer Position außerhalb der Uni umzugucken und sich entsprechend auf den außerunivisersitären Arbeitsmarkt vorzubereiten, auch wenn sie eine MINT-Doktorandin zu sein scheint. Und wenn sie eine Geistes- und Sozialwissenschaftlerin ist, erst recht. Außer sie hat eine wirklich zu 90% sichere Habilitationsstelle / Post-Doc-Stelle in Aussicht – und kann der Person vertrauen, die ihr das versprochen hat. Denn alles, was Hanna mit einer Promotion für den Fortgang ihrer wissenschaftlichen Karriere erwirbt, ist ein Los für die nächste Lotterierunde. Mehr nicht, denn die Kompetenzen und das Wissen, dass sich Hanna im Studium und in der Promotionsphase erworben hat, gilt an der Universität viel weniger als auf dem echten Arbeitsmarkt. Denn man muss ja noch die nächste Prüfung draufsatteln, zwischen 35 und 45, damit man überhaupt befähigt ist, als Professor:in „berufen“ zu werden. Ein Wort, das eigentlich alles darüber sagt, was innerhalb der universitär organisierten Wissenschaft zählt: Höhere Mächte, die sich herunterbeugen, um jemanden aus dem Kanonfutter der Mannschaftsränge in die Sphäre der zu Höherem berufenen zu erheben.

Mit Mitte, Ende 40 sind Leute, die nach ihrem Master die Uni verlassen haben, bereits schon länger meist Fach- und oft sogar Führungskräfte, die eigenständig für Projekte und Teams verantwortlich sind. Oder sie haben sich als freiberuflich tätige Menschen eine Spezialisierung, ein Kompetenzfeld und ein Kundennetzwerk aufgebaut. An der Uni wartet man in diesem Alter dagegen, dass die Guillotine fällt, – oder dass man durch Glück in ein Bewerbungsverfahren rutscht. Und dass man genug vom passenden Vitamin B hat, dass einen dann zum Vorsingen bringt. Dass der Prof / die Prof, bei dem man habilitiert hat, hinter den Kulissen ein bisschen Strippen zieht. Dass sie/er nicht gerade mit dem Lehrstuhl gespannte Beziehungen unterhält, der gerade ausschreibt. Dass die Ausschreibung überhaupt echt ist und nicht schon eigentlich klar ist, wer genommen werden wird. (Wobei man tatsächlich noch froh sein muss, dass man als Verfahrensdekoration eingeladen wird, das zeigt immerhin, dass das System bereit ist, einen auf eine Vorschlagsliste ans Ministerium zu schreiben.)

Nichts davon kann man irgendeinem vernünftigen Verstande des Wortes planen. Außer man nennt das, was Roulette-Spieler:innen machen, die alles auf eine Zahl setzen (man kann ja noch nicht mal passe/impasse oder rouge/noir setzen), planen. Wobei Glücksspieler:innen immerhin den Vorteil haben, dass ihnen die Institution, gegen die sie antreten, relativ transparent macht, dass es hier wirklich nicht um Können geht, sondern ums Glück haben. Und beim Roulettetisch tritt jeder mit denselben Chancen an. Wer in der deutschen Uni sein Glück machen will, sollte dagegen besser nicht migrantischer Herkunft, Erststudierende:r, eine Frau oder mit wenigen ökonomischen Ressourcen ausgestattet sein. Das entwertet nämlich das Los, das man glaubt, mit einer Promotion erworben zu haben, erheblich.

Ergänzung: Das Ministerium hat auf die #IchBinHanna Twitter-Aktion mit einer länglichen Pressemitteilung reagiert. Im Wesentlichen teilt sie dem Kanonenfutter mit, dass es sich nicht so haben solle & froh sein könne, Lebensqualität & Selbstwert auf dem Altar der vaterländischen Wissenschaft zu opfern.

https://www.bmbf.de/de/ichbinhanna—antwort-des-bmbf-auf-die-diskussion-in-den-sozialen-netzwerken-14675.html

Ergänzung 2: #IchbinHanna hat nun eine eigene Seite mit Ressourcen & Infos: https://ichbinhanna.wordpress.com/

Ein Kommentar zu „Akademische Karriereplanung gibt es nicht

  1. In einem hat das BMBF grundsätzlich schon recht: „eine Abschaffung des WissZeitVG würde sicher nicht zu mehr unbefristeten Stellen führen. Vielmehr wären wissenschaftliche Qualifizierungen nur noch für einen sehr kleinen Personenkreis möglich“.
    Das ist ja gerade das Problem: Ohne den riesigen Personenkreis, der ständig neu in die Universitätskarrieren eingeschleust wird, wäre die gegenwärtige feudale Ausnutzung überhaupt nicht möglich. Tatsächlich müssten viel weniger Personen auf diese Weise qualifiziert werden.
    Als Problem erkennt das Amt den Umstand aber nicht, dass eine so strukturierte Universität ein arbeitsrechtliches Ponzi Scheme ist.

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