I read Dostoevsky only in English

Das stimmt tatsächlich, im Großen und Ganzen. Und das hat weniger mit den deutschen Dostojewski-Übersetzungen zu tun, sondern wie mir Dostojewski als Element eines ganz bestimmten deutschen literarischen Diskurses begegnet ist: Für mich ist der deutsche Dostojewski sowas wie der David Foster Wallace des 19. Jahrhunderts – der ideale Autor für junge, jüngere und ewig-pubertäre Männer, die ihre eigenen gelegentlichen psycho-sozialen Unwohlsein-, Differenz- und Exklusionserfahrungen als Ausweis der Besonderheit der eigenen Individualität und als Anrufung zum Schreiben, als Anrufung zur Autorschaft verstehen. Bevor es David Foster Wallace Infinite Jest auf Deutsch gab, – die Übersetzung ist erst 2009 erschienen –, der bei vielen diesen Typs bis heute die Funktion des Abgotts und Role Models einnimmt, mussten andere Autoren diese Funktion im literarischen Feld besetzen – und für Leute, die sich von der Thomas Bernhard-Crowd absetzen wollten, denen Pynchon und DeLillo zu amerikanisch-postmodern waren, Barthelme natürlich erst recht, die verfielen dann, zumindest war das in meinem Umfeld so, auf Nabokov und Dostojewski. (Ich könnte hier noch einige Autoren aufführen, mit denen ein literarisch ambitionierter junger Mann diese Position in seiner Phantasie von Autorschaft besetzen konnte und kann, allesamt kanonisiert und kulturelle Bluechips. Und zu allen, außer Kafka, Pynchon und DeLillo, [die lese ich auch nur im Original], habe ich keinen Zugang gefunden. Die Kongruenz zwischen Fans und Autor oder dem, was mir als Autorstimme erschien, war dann doch zu hoch. Diese Art Stimme und die dazu gehörige empfindsam maskuline Performance interessieren mich nicht, weswegen ich auch fast keine deutschsprachigen lebenden Literatur produzierenden Autoren lese.)

Heute kann ich recht genau formulieren, was mich an dieser Art von Autorschaft als Habitus und Performanz ganz bestimmter ersatz-bildungsbürgerlicher Kreise nervt und langweilt. 1990, als ich am Anfang meines Germanistik-Studiums von genau solchen Typen umgeben war, hielt ich deren ausgeprägte Fähigkeit, Energie, Kreativität und Originalität der Frauen in ihrem Umfeld abzusaugen für Zuneigung und Interesse. Man empfahl mir dringend Dostojewskis „Aufzeichnungen aus dem Untergrund“. Ich lieh sie mir – und gab das Taschenbuch zurück, ohne über die ersten zehn Seiten (wenn überhaupt) hinausgekommen zu sein. Nichts an der Sprache, (das war eine prä-Swetlana Geier-Übersetzung, ich weiß aber nicht welche), noch an der Figur, noch an diesem Rumranten gegen die Welt und Menschen im einzelnen und als Ganzes fand ich interessant, im Gegenteil. Ich fand das alles überaus ärgerlich. Aus Fairness-Gründen versuchte ich es mit „Schuld und Sühne“ (alte Übersetzung, in der Swetlana Geier-Übersetzung heißt es nun „Verbrechen und Strafe“) und kam da auch nicht weit. Ich las dann, ein bisschen auch aus Trotz, Tolstoi, Puschkin und Tschechow. Ein paar Jahre später, während der Promotion, teilte ich drei Jahre lang mit einem Kollegen ein Büro, der über György Lukács `Dostojewski-Projekt promovierte und Dostojewski auf Russisch lesen konnte. Der sagte mir, der sei tatsächlich auf Deutsch unlesbar, was auch damit zu tun habe, dass Dostojewski nach Deutschland via deutschnationalen, nationalbolschwestischer und faschistischer Kreise um Möller van den Bruck und Ernst Nieckisch gekommen sein, quasi als Gewährsmann für die innere, seelische Verwandtschaft von Deutschen und Russen, verbunden gegen den Westen mit seinem Konsumismus und Kapitalismus, seiner inneren Lehre, seiner Parteiendemokratie, rassischer Vermischung etc. (Eine Position, die heute von Sarah Wagenknecht vertreten wird.) Wenn ich Dostojewski lesen wolle, müsse ich entweder russisch lernen (was ich damals mal hätte machen sollen, bei uns gingen ständig russische Gastwissenschaftler ein aus, es wäre die beste Gelegenheit gewesen, direkt am Objekt zu lernen, stattdessen freute ich mich immer, wenn sie für mich Puschkin deklamierten, Onegin im Original klingt einfach fantastisch.) oder ihn eben auf Englisch oder Französisch lesen. Aber erst wieder ein paar Jahre später habe ich in einem Buchladen in Cambridge dann The Brothers Karamazov gekauft, übersetzt von Richard Pevear and Larissa Volokhonsky, als preiswerte Taschenbuchausgabe bei Penguin. Ich habe es gern gelesen. Zu einer Dostoevsky-Leserin hat es mich aber nicht gemacht. Danach habe ich mal in den Übersetzungen von Svetlana Geier geblättert: Sie sind sicher besser zu lesen als die alten Sachen, aber was bei ihrer Befeierung im deutsche Feuilleton gerne untergeht, (über sie gibt es ja sogar einen eigenen Film): Geier steht eben auch in der national- und rechtskonservativen Tradition der deutschen Dostojewski-Rezeption, was man schon aus ihrer Biographie vermuten kann, aber spätestens dann sicher weiß, wenn man mal Stunden zwischen zwei ihrer Ex-Studenten sitzen musste, jetzt pensionierter Oberstudienrat der eine, der andere emeritierter Professor für Volkswirtschaft, und die einem mit glühenden Bäckchen erzählen, was Geier doch für ne grandios autoritäre Lehrerin gewesen sei, mit der es diese heutigen Sperenzchen von Gender bis politischer Korrektheit nicht geben würde und dass Dostojewski die russische Volksnatur wie kein anderer erfasst habe und Nordstream 2 wirklich eine großartige Entwicklung in der Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Russland sei. Falls ich je noch mal einen Dostoevsky lese, wird das wieder auf Englisch sein. Aber Tolstoy, Tschechow und Puschkin sind für mich immer noch die interessanteren Autoren.

Montage von Titus Blome (@derLampenputzer)

Ein Kommentar zu „I read Dostoevsky only in English

  1. „Aber Tolstoy, Tschechow und Puschkin sind für mich immer noch die interessanteren Autoren.“

    Für Nabokov übrigens ganz entschieden auch, den Sie hier etwas ungnädig in einem Atemzug mit Dostojewski nennen.

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